„Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe!“ - Ansprache zur Bundesfeier 2018 in Turbenthal, Höri und Weiach ZH | natalie-rickli.ch

Natalie RickliNationalrätin

„Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe!“ - Ansprache zur Bundesfeier 2018 in Turbenthal, Höri und Weiach ZH

Mittwoch, 1. August 2018

Heute feiern wir Geburtstag. Den 727. Geburtstag unserer schweizerischen Eidgenossenschaft. Ein Geburtstag, den wir nicht nur mit Freude, sondern auch mit Dankbarkeit begehen dürfen. Denn es geht uns gut. Wir dürfen froh sein, in diesem freien Land zu leben. Wir haben eine wunderschöne Heimat.

Was ist Heimat?
Gemäss Duden ist Heimat nicht nur das Land oder der Ort, in dem „man geboren und aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt“, sondern auch ein „gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend“. Gefühle sind ein ganz wichtiger Faktor, wenn es um Heimat geht. Dort hält man sich nicht nur gerne auf, sondern man hat den Ort oder das Land, wo man sich daheim fühlt, auch gerne.
Diese positiven Gefühle lassen sich mit einem Wort umschreiben: „Liebe“. Liebe zum Vaterland. Heimatliebe. Und Sachen, die man gern hat, denen trägt man Sorge. Und wir müssen Sorge tragen zur Schweiz.

Zürich – der schönste Kanton der Schweiz
Was ist für mich Heimat? Wo fühle ich mich daheim? Dies habe ich mir bei den Vorbereitungen zur heutigen Ansprache überlegt. Natürlich fühle ich mich als Schweizerin, aber auch als Zürcherin und als Winterthurerin!
Darum will ich heute nicht nur zum Geburtstag der Eidgenossenschaft sprechen, sondern dies insbesondere auch als stolze Zürcherin tun und unseren Kanton auch etwas ins Zentrum stellen. Wir haben nämlich das Glück, im schönsten und vielfältigsten Kanton der Schweiz zu leben
• Wer schon auf dem Bachtel, dem Hörnli oder dem Schnebelhorn war, weiss: Zürich hat wunderbare Bergwanderungen zu bieten. Im Zürcher Oberland beginnen die Voralpen – ein landschaftlich wunderbares Gebiet. Am Skilift in Steg habe ich übrigens gelernt, Ski zu fahren.
• Auch das Zürcher Unterland hat viel zu bieten. Mit Schmunzeln las ich auf einer Website: „Das Zürcher Unterland, zwischen Winterthur, Zürich und Baden gelegen: Nicht die bekannteste Gegend der Schweiz, aber eine mit guten Geschichten und viel Natur“1. Nicht bekannt heisst übersetzt: ein Geheimtipp. Vom Rhein bis zum schönen Städtchen Regensberg gibt es in dieser Region landschaftlich viel zu erleben.
• Aber auch das Zürcher Weinland oder die Landschaften rund um den Zürichsee sind wunderschön.
• Und natürlich die Städte Zürich und Winterthur. Zürich ist als Finanz- und Wirtschaftsstandort elementar. Und Winterthur kann mit seiner Kultur und der Natur punkten. Wussten Sie, dass Winterthur die waldreichste Stadt der Schweiz ist? Rund 40% des Gemeindegebietes sind mit Wald bedeckt.

Es gäbe noch viel zu sagen über die Schönheit und Attraktivität unseres Kantons. Doch der Kanton Zürich ist nicht nur schön – unser Kanton ist der Motor der Schweiz.
Zürich erwirtschaftet rund einen Fünftel des nationalen Bruttoinlandsprodukts: Jeder fünfte Franken wird in der Region Zürich erarbeitet. Mit 529 Millionen Franken – also über eine halbe Milliarde Franken – zahlt Zürich frankenmässig am meisten in den nationalen Finanzausgleich ein.

Wir haben also etliche Gründe, stolz auf unseren Kanton zu sein.
Diese Identifikation mit dem Lokalen ist typisch schweizerisch. Denn die Schweiz gehört zu den ganz wenigen Staaten, die von unten nach oben aufgebaut sind. Grösser ist nicht immer besser und effizienter. Im Kleinen kann oft einfacher, unkomplizierter und auch günstiger eine Lösung für ein Problem gefunden werden. In der Gemeinde kennt man sich, spricht miteinander. Und über Fragen und Probleme, die sich hier stellen, wollen Sie auch hier selber entscheiden können.

Das ist in Bern schon ganz anders. Dort werde ich das Gefühl nicht los, dass die Verwaltung, aber auch gewisse Politiker da und dort den Kontakt zur Bevölkerung etwas verloren haben.

Aber der Zauber der Schweiz liegt im Kleinen und Einfachen. Wir haben keine Zentralverwaltung, und auch die Hauptstadt ist nicht so wichtig. Die Schweiz findet in den Gemeinden, in den Vereinen, bei und mit den Bürgern statt. Wir sind die Schweiz – und nicht irgendein Präsident oder ein König.

Oder wie es der grosse Zürcher Schriftsteller Gottfried Keller, einmal gesagt hat:
„Alles Grosse und Edle ist einfacher Art.“
 

Gottfried Keller
Wer genau war Gottfried Keller? Vor fast 200 Jahren – am 19. Juli 1819 – wurde er in Zürich geboren. Nach einer Lehre als Landschaftsmaler verbrachte er zwei Studienjahre in München. 1842 kehrte er mit 23 Jahren mittellos nach Zürich zurück. Er widmete sich mit voller Hingabe der Schriftstellerei, aber er engagierte sich auch politisch – damals kämpften viele junge Schweizer ja für die Errichtung des Bundesstaates. Dies gelang dann mit der Bundesverfassung von 1848 auch.

Die Zürcher Regierung gewährte Gottfried Keller dann ein Reisestipendium. So konnte er in Heidelberg Geschichte und Staatswissenschaften studieren und sich in Berlin zum
Theaterschriftsteller ausbilden lassen. Er schrieb in dieser Zeit bekannte Romane wie „Der grüne Heinrich“ oder „Die Leute von Seldwyla“. Immer noch sehr arm kehrte er 1855 nach Zürich zurück. Erst als er 1861 im Alter von 42 Jahren zum Ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich berufen wurde, erhielt er einen rechten Lohn.

Vor seiner Berufung zum Staatsschreiber hat Gottfried Keller eine Erzählung mit dem Titel „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“ veröffentlicht.

Die Geschichte ist einfach erzählt: Sie spielt im Jahre 1849, wo in Aarau das „Eidgenössische Freischiessen“ stattfand – ein Schützenfest. Die „Aufrechten“ sind ein Freundesbund von sieben Zürcher Handwerkern und Gastwirten. Wortführer sind der reiche Zimmermeister Frymann und der arme Schneider Hediger. Mit einem eigenen Fähnlein reisen sie nach Aarau, um am Schützenfest teilzunehmen. „Freundschaft in der Freiheit“ prangt als Inschrift auf ihrem Fähnlein.
Als sie einige Grussworte an die tausendköpfige Versammlung in Aarau richten sollten, geraten sie in Bedrängnis. Karl, der Sohn von Schneider Hediger, rettet die Situation mit einer tollen Rede. Die Geschichte endet mit der Verlobung von Karl und Hermine, der Tochter von Zimmermeister Frymann.

Das „Fähnlein der sieben Aufrechten“ zeichnet ein anschauliches Bild der Zustände im noch jungen schweizerischen Bundesstaat. Es ist eine Erzählung, in welcher Keller seine Zufriedenheit mit den vaterländischen Zuständen ausdrückte – eine Erzählung aber auch, welche viele wertvolle politische Überlegungen enthält, die noch heute aktuell sind.
 

Selbstverantwortung und Freiheit
Was mich mit Gottfried Keller verbindet, ist der Wille zur Selbstverantwortung. Ich lasse mir nicht gerne sagen, was ich zu tun habe – ich entscheide gerne selber. Dieser Wille, das Schicksal selber in die Hand zu nehmen, ist heute etwas verloren gegangen – vielleicht eine Folge des Wohlstands?

Dabei war genau dies ja der Ursprung unseres Landes – und unserer Freiheit. Der Drang zur Selbstbestimmung war vor 700 Jahren die Motivation zur Gründung der Eidgenossenschaft. Der Wille, das Schicksal in eigene Hände zu nehmen, prägte die alte Schweiz. Dieser Wille wurde auch in der Literatur immer wieder treffend beschrieben.
„Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, heisst es im „Wilhelm Tell“ von Friedrich von Schiller. Damit wollte Wilhelm Tell sagen: Wer seine eigene Kraft einzusetzen weiss, ist nicht auf die Hilfe anderer angewiesen. Das ist Unabhängigkeit.

Auch bei Gottfried Keller spielt der Wille zur Unabhängigkeit eine grosse Rolle. Im „Fähnlein der sieben Aufrechten“ sagt der arme Schneider Hediger:

„Keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt.“

Wer nicht in der Lage ist, sich selber zu helfen, ist verloren – so die Aussage von Hediger. Oder umgekehrt: „Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott“, wie es der junge Karl in seiner Ansprache in Aarau für das Fähnlein der sieben Aufrechten formulierte. Dieser Wille, selber Verantwortung zu übernehmen, prägte auch die Politik. Mit dem noch jungen Bundesstaat wuchsen die politischen Mitbestimmungsrechte. Die Einführung der Volksinitiative im Jahre 1848, des fakultativen Referendums 1874 und der Initiative auf Teilrevision der Verfassung 1891 prägten die damalige Zeit.

Heute erlaubt unser Staatssystem eine vielfältige Mitsprache der Bevölkerung. Wir stimmen regelmässig ab und beteiligen uns an Wahlen – auf kommunaler, kantonaler und
eidgenössischer Ebene. Und diese Mitspracherechte, diese Beteiligung schweisst uns zusammen. Wir müssen miteinander reden, miteinander Lösungen finden. Und gerade auf lokaler Ebene gibt das einen guten Zusammenhalt, auch über Parteigrenzen hinweg.

Liebe zur Freiheit
Dessen war sich auch Gottfried Keller schon bewusst. In seiner Münchner Zeit 1841 beschrieb er sein Heimatland wie folgt:

„Der Nationalcharakter der Schweizer besteht nicht in den ältesten Ahnen, noch in der Lage des Landes noch sonst in irgend etwas Materiellem, sondern er besteht in ihrer Liebe zur
Freiheit, zur Unabhängigkeit, er besteht in ihrer ausserordentlichen Anhänglichkeit an das kleine, aber schöne und teure Vaterland...“

Er wehrte sich gegen den damaligen deutschen Zeitgeist. Es gab Leute, die behaupteten, die deutsche Schweiz gehöre eigentlich zu Deutschland und die Suisse Romande zu Frankreich. Das war gemäss Keller eine vorsätzliche Nichtbeachtung unseres Nationalcharakters.

Dies brachte ihn zum Schluss, dass derjenige, welcher nicht klar für die Unabhängigkeit und Freiheit der Schweiz eintritt, kein richtiger Schweizer ist.

Die Unabhängigkeit war für Keller ein ganz wichtiger Faktor: selber bestimmen, selber entscheiden, selber Verantwortung übernehmen – nur dies führt nach seiner Auffassung
zu Glück und Erfolg.

Fragen, die sich auch heute wieder stellen: Wie oft passt sich die Schweiz dem Ausland an, übernimmt Gesetze und Bestimmungen, schliesst Abkommen ab und leistet Zahlungen,
zu welchen wir gar nicht verpflichtet wären. Wie oft machen wir in Bern Gesetzesrevisionen, in welchen wir fast ausschliesslich europäisches Recht nachvollziehen – und teilweise wörtlich abschreiben!

Ob Gottfried Keller damit einverstanden gewesen wäre?
 

Mitbestimmen heisst Verantwortung übernehmen
Doch mit seiner Aussage, der Bürger müsse imstande sein, „selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt“6, beschreibt Gottfried Keller auch das Milizprinzip. Dieser Grundsatz, dass die Bürger viele Aufgaben selber übernehmen und so selbstständig zum Rechten schauen, prägt unser Land seit Jahrhunderten.

Das Milizprinzip ist ein wichtiger Pfeiler unseres Staatssystems – das wird gerne unterschätzt. Das Milizprinzip bedeutet ein grosses Engagement, das so viele von uns in der Feuerwehr, im Militär, in der Politik oder in unzähligen Vereinen täglich leisten. In der Schweiz werden so jeden Tag unzählige Arbeitsstunden geleistet, viele davon ohne Entschädigung.

All diese Tätigkeiten, die in privater Verantwortung wahrgenommen werden, muss der Staat nicht leisten. Dies ist nicht nur günstiger, sondern erlaubt es auch, seine vielfältigen beruflichen Erfahrungen in die verschiedenen Organisationen einzubringen.

 

Direkte Demokratie schützt Minderheiten
Die direkte Demokratie und der Föderalismus erlauben nicht nur die beschriebene effiziente, schlanke Staatsorganisation, sondern auch das Zusammenleben der verschiedenen Landessprachen und Kulturen.

Oder anders gesagt: Unser Staatssystem schützt Minderheiten wie kein anderes. Wo leben so viele Sprachen und Kulturen friedlich beisammen wie in unserem Land?
Auch wenn Gottfried Keller energisch für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz eintrat, war er tolerant gegenüber fremden Nationen und Kulturen – aus dieser Vaterlandsliebe heraus. Keller war offen gegenüber Ausländern, welche die schweizerische Staatsbürgerschaft erwerben wollten. Gerade weil er sich eben bewusst war, welche Vorteile unser System für den Bürger hatte:

„Wenn ein Ausländer die schweizerische Staatsordnung liebt, wenn er sich glücklicher fühlt bei uns als in einem monarchischen Staate, wenn er in unsere Sitten und Gebräuche freudig eingeht und überhaupt sich einbürgert, so ist er ein so guter Schweizer, als einer, dessen Väter schon bei Sempach gekämpft haben.“

Eine gute Integration setzte aber Keller schon voraus. Um Schweizer werden zu können, muss man sich als Schweizer fühlen – das wollte Keller uns mit diesem Satz sagen.

Weil Heimat eben mit Gefühlen verbunden ist – wie ich es am Anfang schon erwähnt habe. Nicht umsonst lautet der Wahlspruch der sieben Freunde im „Fähnlein der sieben Aufrechten“:

„Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe“.
 

Die Schweiz – das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten – ist nicht das Konstrukt eines Staatswissenschaftlers. Unsere Verfassung haben nicht hochtrabende Philosophen geschrieben, die irgendwelchen idealistischen Projekten nachhingen. Unsere Bundesverfassung ist ein pragmatisches Regelwerk, welches ein friedliches, glückliches Zusammenleben der verschiedenen Sprachen, Kulturen und Landesgegenden ermöglichen will.

Bescheiden bleiben
Für den weiteren Erfolg unseres Landes wird es entscheidend sein, dass wir so pragmatisch und bescheiden bleiben, wie es unsere damalige Verfassung war. Gottfried Keller machte sich viele Gedanken über die Zukunft. Vielleicht, weil er befürchtete, irgendwann könnten die Grundlagen unseres Wohlstands in Vergessenheit geraten?

Besinnen wir uns gerade heute am 1. August wieder auf die Grundlagen des schweizerischen Erfolgsrezepts: Bescheidenheit, Fleiss und den Willen zur Selbstbestimmung.
Ich schliesse mit den Schlussworten von Karl Hediger, wie er sie – gemäss Gottfried Keller – am eidgenössischen Schützenfest in Aarau formuliert hat:

„Es lebe die Freundschaft im Vaterlande! Es lebe die Freundschaft in der Freiheit!“.

 

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